Schmeisst doch die RAW-Dateien weg!

Zugegeben, der Titel es etwas provokant. Aber es ist auch wirklich so gemeint: Ich denke gerade ernsthaft darüber nach, mich dauerhaft von meinen RAW-Dateien zu trennen, und zwar auf Grund folgender Überlegungen:

Mein Workflow ist wahrscheinlich nicht anders als der von vielen: RAW fotografieren, Datei in Lightroom (oder Aperture oder Capture One oder …) importieren, aussortieren, bearbeiten, in Ordner oder Projekte verschieben, verschlagworten und letztlich so auf Dauer aufheben. Und natürlich bei Bedarf immer wieder in verschiedenen Formaten für verschiedene Zwecke exportieren, aber zumindest bei mir wird das exportierte File nach Gebrauch immer wieder gelöscht. Der Raw-Konverter ist damit in seiner zweiten Funktion zum Archivierungsprogramm geworden. Aber was archivieren wir da eigentlich?

Je nach Konverter und Einstellungen sieht das Archiv im besten Fall so aus: RAW-Datei + XMP-Sidecarfile + aktuelle Engine des Rawkonverters ergibt das fertige Bild. Fehlt eine der drei Komponenten hat man kein fertig bearbeitetes Bild mehr. Noch ein bisschen verschärfter (standardmässig bei Aperture) sieht es so aus: RAW-Datei + Katalogfile des Rawkonverters + aktuelle Engine des Rawkonverters ergibt das fertige Bild. Irgendwie klingt das doch nicht nach einem robusten Langzeitarchiv, oder?

Jetzt gibt es eine naheliegende Abhilfe: Ist ein Projekt fertig abgeschlossen, exportiert man aus dem RAW-Konverter TIFF-Dateien in voller Auflösung etwa in AdobeRGB mit 16Bit Farbtiefe. Damit hat man ein sehr universelles Dateiformat, das noch dazu ein qualitativ sehr guter Ausgangspunkt für Umwandlungen in andere Dateiformate und Farbräume für Druck, Online, etc. darstellt. Diese Dateien kommen dann verschlagwortet und nach Projekten oder was-auch-immer strukturiert in ein Archivierungssystem und sind unabhängig von der bisherigen Software. Jetzt ist es auch kein Problem mehr, wenn man mal den RAW-Konverter wechselt, weil die „Zentrale“ für alle fertigen und beendeten Projekte sowieso im „neutralen“ Bildarchiv liegt.

Bleiben noch zwei Fragen offen: Welche Software nehmen für das Bildarchiv? Sie soll eine angenehme und intuitive Benutzeroberfläche haben, soll das Strukturieren und Verschlagworten leicht machen (eine Gesichtserkennung wäre da kein Fehler) und soll dann auch noch halbwegs leistbar sein.

Und schließlich die letzte aller Fragen: Schmeiße ich dann wirklich die RAW-Datein weg? Konsequent wäre das ja schon, ebenso die zwischendurch in Photoshop entstandenen Dateien mit Einstellebenen etc. – alles in den Papierkorb? Tendentiell würde ich sagen: Ja. Wer nimmt den wirklich nach Jahren noch mal die RAW-Dateien in die Hand und entwickelt sie noch mal neu? Machen wir doch lieber neue Fotos. Wenn ein Projekt fertig ist, dann sind die Bilder eben so wie sie sind. Basta.

Oder was meint ihr?

Nachsatz, zur Sicherheit:
Geht jetzt nicht an den Computer und löscht einfach irgendwelche Dateien 😉 Überlegt euch erst selber, was für euch wichtig und was entbehrlich ist. Und letztlich: Man kann auch entwickelte TIFFs und die RAWs gemeinsam archivieren…

Noch ein Nachsatz:
Es gibt mindestens einen guten Grund, RAW-Dateien nicht zu löschen (danke für den Tipp!): Bei Zweifeln zur Urheberschaft eines Fotos oder dessen Authentizität kann das RAW ein sehr guter Beleg sein. Also vielleicht wirklich nicht löschen…