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Mylio: Fotos einfacher organisieren

Die Frage, ob Lightroom, Capture One oder doch DXO Optics Pro das letzte Detail aus unseren Bildern rausholt, wird gerne breit diskutiert. Weniger oft wird über das Organisieren und Wiederfinden der Fotos geschrieben oder geredet, weil dieser Teil meistens weniger Spaß macht: Aufräumen ist halt kein Vergnügen, das beginnt schließlich schon schon mit der unangenehmen Frage: Wegwerfen oder behalten?

Lightroom über alles?

Lightroom ist praktisch so eine Art Standard für die Kombination von Raw-Entwicklung und Organisation geworden. Die Bearbeitungsfunktionen sind sehr vielfältig und organisatorisch wird auch eine Menge geboten. Außerdem verwaltet Lightroom ja das Raw plus die Entwicklungsrezeptur, dadurch kann man seine Bearbitungen beliebig oft revidieren, ohne dass die Qualität darunter leidet.

Newcomer Mylio

MylioMylio ist ein Projekt des ehemaligen Microsoft-CTO David Vaskevitch, fühlt sich aber gar nicht wie Microsoft an, eher wie Apple in seinen besten Tagen. Mylio ist noch relativ jung und bei weitem nicht so reich an Entwicklungsfunktionen wie Lightroom, aber ist bereits für Windows, Mac, iOS und Adroid verfügbar und man kann damit ein paar Sachen schon viel besser machen als in anderen Lösungen:

  • Alle Fotos auf allen Geräten verfügbar halten
  • Abwechselnd auf verschiedenen Rechnern arbeiten
  • Auf Mobilgeräten mit dem (fast) vollen Funktionsumfang arbeiten
  • Auf Mobilgeräten mit kalibriertem Bildschirm arbeiten (mit ColorTRUE)
  • Fotos im Dateisystem umorganisieren, ohne dass die Software den Bezug zu den Originaldateien verliert

Bevor wir zu den einzelnen Highlights kommen, erst noch die schlechte Nachricht: Mylio ist “subscription based”, also auf deutsch: Mietsoftware. Je nach Version bezahlt man monatlich:

  • $ 0,00 (Gratis-Verison für bis zu 10.000 Fotos)
  • $ 4,17 (bis 50.000 Fotos)
  • $ 8,34 (bis 100.000 Fotos, Raw-Support, Lightroom-Anbindung und Korrekturpinsel) oder
  • $ 20,83 (bis 500.000 Fotos, zusätzliche Synchronisationsfeatures)

Wer also weg von Lightroom möchte, weil die neuesten Features nur mehr in der Miet-Version enthalten sind, braucht nicht weiterzulesen. Außerdem ist die Software bis jetzt nur in Englisch verfügbar. Für alle anderen hier weitere Details:

Importieren und organisieren

Mylio CalendarMan kann Bilder natürlich von der Speicherkarte importieren und dabei umbenennen und Schlagworte zuweisen, oder aus Facebook oder Flickr zurückholen, oder aus Lightroom oder Aperture übernehmen, aber auch: Einfach auf einen Ordner mit Bildern zeigen und diese mit Mylio verwalten. Der Import geht sehr flott, 10.000 Bilder sind in ein paar Minuten drin und z.B. nach weiteren etwa 10 Minuten verkleinert auf dem iPad angekommen. Ob man danach beim Umorganisieren Bilder und/oder Ordner innerhalb von Mylio verschiebt oder im Finder/Explorer ist egal: Mylio erkennt sofort Änderungen im Dateisystem und zeigt die neue Situation wieder richtig an. Verlorenen Referenzen wie in Lightroom gibt es nicht.

Alle Fotos auf allen Geräten

Mylio SyncDie Synchronisation zwischen den Geräten erfolt peer-to-peer: Sobald zwei Geräte im gleichen Netzwerk die Anwendung geöffnet haben, startet die Synchronisation, ohne Cloud und ohne weiteres Zutun. Dabei kann man vorher einstellen, welches Gerät mit welcher Dateiversion arbeiten soll: “Original” (ein zweiter Rechner mit Originalen dient dann gleich als Datensicherung), “Preview” (z.B. für Tablets, Bilder sind editierbar) oder “Thumbnail” für Geräte mit wenig Speicherplatz. Auch ein NAS kann so mitverwendet werden.

Das ärgert mich nämlich an Lightroom Mobile: Man muss Fotos in manuellen Alben organisieren, um sie auf das Tablet zu bekommen, dann sind die Alben auf dem Tablet aber nicht hierarchisch organisierbar. Außerdem kann man zwar etwas Bildbearbeitung machen (ohne dass aber der Bildschirm kalibrierbar ist), aber was sich auf einem Tablet besser machen ließe, verschlagworten, Personen zuordnen, Orte angeben, Bilder in Ordnern oder Alben umorganisieren – das geht wiederum nicht. In Mylio sieht die Tablet-Version praktisch gleich aus wie die Desktop-Version und nachdem alle Bilder auf alle Geräte synchronisiert werden, kann man abwechselnd da wie dort arbeiten. (Wer will, kann aber auch selektiv synchronisieren).

Bearbeiten

Die Bearbeitungswerkzeuge sind noch eine (bescheidene) Untermenge der Lightroom-Werkzeuge. Immerhin gibt es bereits einen Korrekturpinsel, aber Objektiv- und Verzeichnungskorrekturen fehlen eben so wie virtuelle Kopien. Die Bearbeitung wird in XMP-Files geschrieben, existieren XMP-Files aus Lightroom, werden die vorhandenen Bearbeitungen, soweit Mylio sie kennt, übernommen. Mylio BearbeitenAuch weiterhin in Lightroom zu bearbeiten und in Mylio lediglich zu organisieren, ist vorgesehen. Entwickelt man seine Raws in einem anderen Rawkonverter und schreibt dann ein TIFF oder JPG in das gleiche Verzeichnis, zeigt Mylio die Dateien praktischerweise als ein einziges Bild an, verschiebt aber beim Umorganisieren alle bekannten Dateitypen (Raw, TIFF, JPG, XMP) mit. In den Einstellungen kann man außerdem wählen, ob bevorzugt das Raw oder das entwickelte Bild angezeigt werden soll.

Oberfläche und Bedienung

Zu den größten Stärken gehört die einfache, intuitive und übersichtliche Oberfläche. Im ersten Augenblick hat man den Eindruck, die Software kann nicht besonders viel, aber der Schein trügt. Dadurch macht das Arbeiten mit Mylio gleich mehr Vergnügen und meistens braucht man auch kein Tutorial, obwohl es trotzdem ausführliche Anleitungen gibt. Auch die Bedienung per Tastatur ist sehr einfach und gelungen, sodass man sehr flott Ordner öffnen (Enter), darin navigieren (Cursortasten) und auch wieder zurück kann (Esc).

Was mir noch fehlt

Weitere Bearbeitungsfunktionen wären mir gar nicht so wichtig, weil ich meine Bilder derzeit lieber mit DXO entwickle und fallweise noch mit Affinity Photo bearbeite. Aber das Stapeln von verschiedenen Versionen eines Bildes (Raw, Tiff) gehört noch verbessert, etwa dass man das fertige TIF gezeigt bekommt (falls vorhanden), bei “Edit in …” mit einem Raw-Konverter aber das RAW verwendt wird. Ebenso könnten weitere Typen von Sidecar-Files erkannt werden, damit sie beim Verschieben von Bildern nicht alleine liegen bleiben.

Die Synchonisation ohne Cloud ist zwar eine tolle Sache, dafür ist der im Abo zur Verfügung gestellte (optional verwendbare) Cloudspeicherplatz eher bescheiden: 0, 5, 10 oder 25 GB bekommt man je nach Version, das ist von der Idee her nur für eine Auswahl der Bilder gedacht. Andere Cloud-Services werden nicht unterstützt.

Mylio druckenViel fehlt für professionelle Ansprüche noch bei den Export- und Druckfunktionen, hier sind bis jetzt nur einfachste Ausgabemöglichkeiten vorgesehen. Aber für mich würde sich Mylio ohnehin am besten weiterentwickeln, wenn es die Bearbeitung mit externen Programmen noch besser unterstützt.

Ansonsten wirkt Mylio einfach moderner als bestehende Lösungen. Technisch gesehen arbeitet es zwar mit einem Katalog wie etwa PhotoSupreme, praktisch merkt man aber kaum etwas davon, alles geht sehr schnell und unkompliziert. PhotoMechanic als Browserlösung ist zwar noch flotter, aber Mylio empfinde ich als viel einfacher und übersichtlicher als die beiden anderen.

Übrigens: Ich stehe in keiner Verbindung zu Mylio und erhalte auch keine Vergünstigungen. Wer Mylio ausprobiert und Fragen dazu hat, kann trotzdem gerne die Kommentarfunktion hier verwenden.